Bezug: Artikel „Mehrere Priester als Kinder missbraucht“ von Birger Berbüsse vom 16.05.2026
Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion,
der fundierte Bericht von Birger Berbüsse über die Missbrauchsstudie im Erzbistum Paderborn macht fassungslos, beleuchtet aber aus psychotherapeutischer Sicht eine fundamentale, systemische Tragik. Als Heilpraktiker für Psychotherapie erlebe ich die im Artikel beschriebene „innere Zerrissenheit“ der Opfer täglich in meiner Praxis.
Aktuell behandele ich einen 66-jährigen Patienten – einen ehemaligen Messdiener –, dessen gesamtes Leben durch den erlebten Missbrauch zerstört wurde. Er kämpft heute, Jahrzehnte später, in einem psychisch extrem zehrenden Prozess vor weltlichen Gerichten um Schadensersatz.
Die im Artikel beschriebene Ambivalenz der Kirche zeigt sich an seinem Schicksal wie unter einem Brennglas:
- Die Taktik der Bindung und des Schweigens: Der Artikel deckt auf, dass Täter ihren Opfern gezielt den Weg ins Priesteramt ebneten, um sie als spätere „Mitbrüder“ im System zu halten und ein Publikmachen der Taten zu verhindern. Das ist psychologische Manipulation auf höchstem Niveau. Die Opfer wurden in die Institution hineingezogen, die sie zerstört hat.
- Das unerträgliche Spannungsverhältnis: Wenn der Betroffenenüberlebenden-Sprecher Reinhold Harnisch im Artikel betont, dass missbrauchte Priester in einem extremen Spannungsverhältnis zu ihrem „Arbeitgeber“ stehen, trifft das den Kern. Die Kirche inszeniert sich öffentlich als Aufklärerin, flüchtet sich aber laut Artikel vor konkreten Zahlen und zieht sich auf die „zu wahrende Anonymität“ zurück. Für Betroffene, wie auch für meinen Patienten, ist diese Abwehrhaltung, oft gepaart mit dem Verweis auf kirchenrechtliche Sonderwege, eine massive Retraumatisierung. Den Opfern wird signalisiert: Der Schutz der Institution steht noch immer über dem Leid des Individuums.
Mein Patient und die mindestens 500 anderen Opfer in Paderborn kämpfen nicht nur um Entschädigung – sie kämpfen gegen eine Institution, die ihnen erst die Kindheit und dann die Würde geraubt hat.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Müller
Heilpraktiker Psychotherapie